Siebdruck auf Taschen: Die Künstlerin Jutta Hellbach im Interview

21.10.2013 08:30

Das Siebdruck auf T-Shirts, Sweatshirts oder auch Postern problemlos funktioniert wissen wir. Doch Taschen bedrucken? Da wird es schon spannender. Die experimentierfreudige Künstlerin Jutta Hellbach kann das und geht dabei auch ungewöhnliche Wege bei der Erstellung von Sieben. (Interview: Raoul Festante. / Bilder: Jutta Hellbach)

Wie fing bei dir alles an? Gab es einen besonderen Moment in deinem Leben, der den Startschuss für deine zukünftige Tätigkeit als Künstlerin lieferte? Was hast du eigentlich gemacht, bevor du Taschen gestaltet hast?

Vor 10 Jahren fand ich nach einer schweren Lebenskrise und Erkrankung, mit langem Klinikaufenthalt zum klassischen Patchwork. Ich lief in Freiburg/Breisgau an einem Patchworkgeschäft vorbei, in dessen Auslagen 2 wunderschöne Quilts hingen. Mich fesselte der Anblick und löste etwas in mir aus. Eine knappe Stunde später verliess ich das Geschäft mit der Grundausstattung eines Patchworkers und stellte zu Haus die Nähmaschine, die ich lange in der Ecke gestanden hatte wieder einmal auf den Tisch. Die erste kleine Patchworkdecke wurde geschnitten und genäht und bereits hierbei merkte ich, wie gut es mir tat, mit dem Material Stoff zu arbeiten, Farben und Formen zueinander zu ordnen und aus der Meterware etwas Neues zu schaffen. Nach dieser kleinen Decke folgten dann in den nachfolgenden 3 Jahren mehrere grosse Quilts für Familie und Freunde. Und auch die ersten Taschen nähte ich bereits aus den fertig zu kaufenden Patchworkstoffen. Hier brachte ich bereits meine ersten einfachen Designs in Schnitt und Form ein, doch fehlte den meisten Taschen oft das I-Tüpfelchen, der passende schicke Griff oder Henkel. Das was auf dem Markt erhältlich war, bestand aus Kunststoff, Holz, Bambus oder sehr hartem Leder in dunklen Farben. So keimte in mir eine Idee: da mir bewusst war, wie gross der Markt der DIY Frauen schon damals war, wollte ich Taschengriffe selbst anfertigen, am besten aus hochwertigen Rindnappaledern und noch besser in vielen frischen, zu den Stoffkollektionen passenden Farben.
 

So gründete ich 2008 mein Taschenlabel „nadelundfarben“ und baute mir innerhalb kürzester Zeit ein Fachhandelsnetz auf, das meine Taschenaccessoires verkaufte. Zwischenzeitlich sind es gut 20 Händler in Deutschland und den angrenzenden Ländern. Der eigentliche Startschuss zum jetzigen künstlerischen Arbeiten fiel, als ich eine meiner Kundinnen in München besuchte. Sie führt in ihrem Geschäft ein grosses Sortiment an Materialien, mit denen man Stoffe bearbeiten, umgestalten und manipulieren kann. Materialien zum Färben, zum Drucken, Materialien zur textilen Oberflächengestaltung. Hier wurde mir bewusst, dass es vielfache Möglichkeiten gibt, Stoffe von der weissen Faser aus vollkommen selbst zu gestalten und ihnen die ganz eigene Handschrift zu geben. Und dies tat ich ab dann auch. Patchworkstoffe vom laufenden Meter kaufte ich nicht mehr, verschenkte meine riesige Stoffsammlung an eine gute Freundin und kaufte meterweise weisse Baumwollstoffe in allerbester Qualität ein. Nach und nach arbeitete ich mich in den vergangenen Jahren in unterschiedlichste Grundtechniken der textilen Gestaltung ein, kaufte Fachbücher und die notwendigen Nassmaterialien und anderes Zubehör und porbierte. Manches gelang auf Anhieb, anderes füllte die Mülltonne – auch das gehört zu diesen Prozessen. Mir war/ist es immer wichtig, autodidatktisch zu arbeiten, keine Kurse zu belegen und anderleuts Handschrift zu erlernen, denn schliesslich möchte ich in meinen eigenen Kursen nur das weitervermitteln, das ich selbst für mich entwickelt habe. Vielleicht ist daher auch die Herangehensweise an manche Techniken eine ganz andere, als die der „gelernten Fachfrau“, doch macht es dies meine Arbeiten umso interessanter.

Siebdruckkurs mit Jutta Hellbach am 8. und 9. März bei Siebdruckand in Duisburg.  >> Zum Siebdruck Workshop

Was genau fertigst du an und wie gehst du von der Planung bis zur Umsetzung genau vor?

Bislang fertigte ich hauptsächlich Künstlertaschen an. Ausschliesslich Unikate, nichts von der Stange. Bei einer solchen Tasche ist die Voraussetzung für gutes Gelingen das Schnittmuster, das ich oftmals spontan vor Augen habe, eine Skizze anfertige und danach den Schnitt entwickle. Hier ist es mir wichtig, möglichst simpel zu bleiben, denn bei der aufwändigen Stoffgestaltung der Taschen soll der Stoff wirken und nicht ein komplizierter Schnitt.

Gibt es Themen, welche die beschäftigen bevor du ein Unikat gesaltest oder wodurch lässt du dich inspirieren?

Beim Arbeiten der Taschen arbeite ich weniger thematisch als vielmehr graphisch gestalterisch. Die Themenfindung auf solch kleinen Oberflächen ist manchmal etwas schwierig und diese übernehme ich meistens nur für die neuen grossen Arbeiten auf Leinwand. Bei der Technik der Papierlamination, wo das Druckerzeugnis vom Papier auf Organza übertragen wird, ist es eher möglich themenbezogen zu arbeiten, was ich dann auch tue. Hier ist die Taschenform ein einfacher Shopper und durch zwei gerade durchgängige Flächen (Vorder- Rückseiten) gut überschaubar.

Bedruckst du nur Taschen oder auch Shirts und andere Oberflächen?

Ich bedrucke auch schonmal Shirts, dies sind dann kleine „Aufträge“ der Familie, bespielsweise für das Basketballteam meines Mannes, oder den Besuch eines Konzertes.
Seitdem ich mit Euren grossformatigen Sieben arbeite, selbst beschichte und belichte hat sich meine Arbeitsweise des gestalterischen Druckens immens erweitert. Für die letzte grössere Ausstellung im Schloss Johannisburg in Aschaffenburg Juli 2013 erarbeitete ich acht grossformatige Bilder auf Leinwand. Mir war es wichtig, einmal vom Material Stoff wegzukommen und neue Wege zu beschreiten. Die Farbtechniken auf Leinwand sind ganz anders als auf Stoff und das Material lässt sich brilliant mit der Nähmaschine weiterverarbeiten. Es weißt in der Gestaltung mit Nadel und Farben Strukturen auf, die man in Stoff niemals eingearbeitet bekommt. Ebenfalls erarbeite ich sehr gerne mit vielen Menschen zusammen ein ausführlicheres künstlerlisches Objekt. So warb ich zum Jahresbeginn über den Blog des schweizerischen Nähmaschinenherstellers BERNINA für ein Kunstkubenprojekt. Hierzu lud ich 27 kreativ interessierte Leute ein einen hohlen Holzkubus zu gestalten. Die Aussenseiten wurden mit vielschichtiger Papierkollage erarbeitet, diese wurden bemalt, bedruckt, genäht, die Kuben von mir schlussendlich mit diesen Papierseiten beklebt und versiegelt und bilden nun ein immer neu zusammensetzbares Kunstobjekt. Eine der Kubenseite trägt einen Buchstaben aus dem Namen BERNINA, da sie das Projekt finanzierten, und somit erscheint der Name manchmal bewusst im Ganzen, dann teils nur bruchstückhaft.
Hier ist es dann fantastisch, wenn in den Ausstellungen die Teilnehmer kommen und sich als einen Teil eines Ganzen wiederfinden. Und meine Intention, die Leute für eine neue Technik, neues Material und ein bisher nie dagewesenes Projekt zu begeistern ist aufgegangen.

Du arbeitest u.a. auch mit der Siebdrucktechnik und hier mit der Technik des deconstructed Screen Printing. Was ist das interessante für dich an dieser Drucktechnik und was bedeutet Deconstructed Screen Printing genau?

Deconstructed Screen Printing, was ursprünglich Kerr Grabwoski (USA) erfunden hat, ist eine Methode Farbe vom Sieb auf Stoff zu übertragen. Hierzu wird verdickte Stofffarbe (keine Acrylfarbe, sondern eine Farbe, die das Sieb nicht verklebt), mit der man normalerweise im flüssigen Farbbad Stoffe färbt, auf den Siebdruckrahmen in unteschiedlichster Weise aufgebracht. Sobald die Farbe komplett im Sieb eingetrocknet ist, wird sie nach und nach statt mit weiterer Farbe, mit einer durchsichtigen Verdickerpaste mit dem Rakel vom Sieb in den Stoff „gewaschen“. Das spannende an dieser Technik ist, dass die Drucke vollkommen unvorhersehbar sind und jeder Druck ein Monoprint ist.

Du wirst mittlerweile ja auch verstärkt als Kursleiterin gebucht. Was vermitellst du in deinen Kreativkursen?

In meinen Kursen ist es mir wichtig, die Leute über den bisherigen Tellerrand hinausschauen zu lassen. Sie zu ermutigen, Dinge auszuprobieren, die bisher ausserhalb ihres kreativen Feldes lagen. Und es ist in jedem Kurs aufs neue toll zu sehen, wie irgendwann der Knoten bei den Teilnehmern aufgeht und sie im wahrsten Sinne des Wortes über sich hinauswachsen und am Ende sagen – ich hätte nie gedacht, dass dies in mir steckt und ich zu so einer Arbeit fähig bin. Die Techniken in meinen Kursen sind vielfältlig: Papierlamination, Stoffdesign das Farb- und Formgestaltung beinhaltet, Arbeiten mit Materialien zur Textilen Oberflächengestaltung wie Lutradur, Vliesofix, Tyvek, unterschiedlichen Farben und Wirkungsweisen, Drucktechniken mit Thermofaxsieben, Spachtel- und Maltechniken, sowie nun auch der grossformatige Siebdruck mit fotobelichteten Sieben.

Zum Schluss: Was würdest du Leuten empfehlen, die sich im Bereich textile Oberflächengestaltung selbstständig machen wollen? Was sollte man beachten? Welche Hürden gab es bei dir? Kannst du davon eigentlich leben oder gibt es noch andere Jobs?

Ich empfehle vor allem einen langem Atem und eine Portion Talent. Begeisterungsfähigkeit, Wandelbarkeit und Offenheit – auch Toleranz. Man sollte beachten, sich nicht zu sehr zu verzetteln, sondern in bestimmten Bereichen seine Arbeitsschwerpunkte zu setzen. Die Hürden bestehen darin, Türen zu öffnen, sich einen Namen zu erarbeiten, gesehen und gehört zu werden, ins Gespräch zu kommen. Das Geschäft ist hart und die Konkurrenz ist gross. Absetzen kann man sich hier am besten durch aussergewöhnliche Arbeiten und Design. Ob man davon leben kann? Nun, es hängt ganz davon ab, wie gut man ist und was letztendlich der Kunde bereit ist, für Qualität zu zahlen.Andere Jobs habe ich keine. Mit dem Ledergriffgeschäft, dem Anfertigen und Verkauf der Thermofaxsiebe, dem Vorbereiten der Kurse, den Reisen zu Kursen und teils auch Ausstellungen sind die Tage mehr als voll. Zum Durchatmen kommt man selten. Fürs kreative Arbeiten muss man sich ganz bewusst ein paar freie Wochen im Jahr einplanen.

Links:
http://www.nadelundfarben.de
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